Frija v.Helsing

Hier entsteht ein Roman

von

Frija v.Helsing

 

"Der Adler und der Schmetterling"

 

Eine Reise durch das Jetzt und die Vergangenheit

Kapitel I

 

Ron

Der kleine Ort Castricum an der nordholländischen Küste zeigte sich nicht gerade von seiner besten Seite.

Dicke, graue Wolken verdeckten fast ganz den blauen Himmel, und die Sonne zeigte sich nur höchst selten an diesem Tag. Noch dazu nieselte es ab und zu leicht. Doch die Touristen ließen sich ihren Urlaub dadurch nicht verderben, sondern nutzen diesen Tag zum Bummeln und Shoppen. Ein buntes Gemisch von Urlaubern und Einheimischen war hier unterwegs. Lachen, leises Gemurmel und ab und an Kinderweinen ließen keine Stille zu.

Die schmale Hauptstraße die nach Den Helder führte, war von neuen modernen, rot gestrichenen Laternen gesäumt, die Bürgersteige neu gepflastert. Beides gab dem Städtchen ein fröhliches, sauberes und adrettes Aussehen. Bestechend schön dazu, die alten, kleinen, teilweise mit Reet gedeckten Häuser, die sich mit den Jahren, zwischen modernen Gästehäusern und gepflegten Hotels behaupten mussten.

Ein Brunnen mit einem Wasser speienden Frosch bot Platz zum Ausruhen. Auf der steinernen Umrandung saßen Jung und Alt zusammen. Kinder ließen kleine Bälle und Schiffe ins Wasser, oder spritzen sich gegenseitig, laut und fröhlich kreischend, nass. Eine bezaubernde kleine Maus hatte sich sogar in das niedrige Wasser gestellt, um den Frosch zu küssen. Vielleicht hatte ihr die Mutter gerade vom Froschkönig erzählt. Denn sie wollte auch nach dem Kuss partout nicht aus dem Wasser.

Mit der Zeit hatten sich hier viele Kunsthandwerker und Künstler niedergelassen. Shop reihte sich an Shop. Handgefertigter Schmuck, Antiquitäten, Bilder von bisher recht unbekannten Künstlern, und auch Bekleidung aus vielen Kulturen, waren hier zu entdecken. Dazwischen gab es auch einen kleinen Supermarkt, hübsche gemütliche Restaurants und Spielzeuggeschäfte. Man konnte Strandartikel erwerben, sogar eine Bank gab es, falls das Bargeld einmal nicht ausreichte, um all die Wünsche zu erfüllen. Und nicht zu vergessen, der kleine Laden, in dem man die leckersten Süßigkeiten erwerben konnte.

Auf der linken Seite lagen die hohen Dünen, hinter denen sich das Meer versteckte. Gab es einmal einen Moment der Stille, so konnte man das stetige Rauschen der Wellen hören. Man schmeckte das Salz auf den Lippen und der Wind zerzauste einem das Haar. Zur rechten Seite lagen die Feriendörfer und Häuser der Einwohner. Alles in allem ein bezaubernd anmutiges Städtchen.

Das laute dumpfe Blubbern eines V-8-Motors übertönte das Gemurmel. Ein metallic roter Chevy Blazer, Baujahr 1979 hielt am Straßenrand. Unübersehbar.

Hohe, breite Stollenreifen, vier große Scheinwerfer auf dem Dach, der Wagen war jeden Blick wert. Das Herz vieler Autofahrer machte einen schnellen Hüpfer bei diesem Anblick.

Als er seine langen schlanken Beine aus dem 79er Chevy Blazer schwang, zog er umgehend alle Blicke auf sich. Die Männer bewunderten den hoch gesetzten Amischlitten, der mit wuchtigen Stollenreifen, vier großen Halogenscheinwerfern auf dem Dach, und einer dunkelroten Metalliclackierung ausgestattet war. Das Herz eines jeden Liebhabers dieser Fahrzeugkategorie schlug bei diesem Anblick höher.

Drei Typen mit Glatze und Springerstiefeln äußerten sich in abfälliger Weise über den Mann,  der da aus seinem Wagen stieg. Jedoch die Frauen waren von ihm angetan und konnten kaum ihren Blick kontrollieren.

Imposant mit einer Größe von 1,93. Schlank, jedoch nicht dünn, sondern sehnig und durchtrainiert. Schmale Hüften und ausgeprägte, aber nicht zu breite Schultern. Das lange glatte, pechschwarze Haar reichte ihm fast bis zu seinem knackigen Hinterteil.

Die leichte Nässe des Nieselregens hinterließ winzige Perlen, auf seiner von Natur aus,  gebräunten Haut,  ließ sie schimmern wie weicher, dunkler Samt mit einem leichten Kupferton. Erweckte den Wunsch, darüber zu streicheln.

Die ausgeblichene, an einigen Stellen zerrissene Jeans, eine ärmellose Lederweste die seinen Hauttyp unterstrich, machte ihn zu diesem Abenteurertyp, der Frauen um den Verstand bringen konnte.

Ein silbernes, gehämmertes Amulett hing an einem schwarzen Lederband um seinen Hals. Die Länge betonte seinen seine muskulöse Brust. Eine markante Adlernase verlieh ihm einen Touch von Hochmut und Unantastbarkeit. Sein Mund, weich wie der eines Künstlers,  verlockte zum Küssen. Seine Augen, dunkelbraun, fast schwarz, umgeben von einem Kranz unendlich langer Wimpern, überraschten. Sie machten diesen ganzen Kerl sensibel und sehr verletzlich, und letztendlich sympathisch.

Lässig schlug er die Autotür zu, ohne sie zu verschließen. Mit den für ihn typischen weit ausholenden Schritten überquerte er die nicht sehr stark befahrene Straße, selbstbewusst, ohne auffallendes Interesse für sein eigenes Auftreten. Das lange, seidige Haar umspielte ihn durch den Wind. Präsentierte ihn wie einen Protagonisten aus einem magischen Abenteuerfilm. Man war geneigt, sich hinzusetzen und auf weiteres Fortgehen mit Spannung zu warten.

Ihn interessierte das nicht mehr. Seit er in Europa war, vollzog sich ständig diese Prozedur zu seiner Person. Inzwischen nahm er dieses als gegeben und völlig gelassen hin.

Eine rassige Schwarzhaarige, mit gut geformten ellenlangen Beinen in schwarzen High Heels unter einem knallroten, engen, Lederrock kam ihm entgegen. Ihr Interesse an ihm zeigte sich umgehend, indem sie ihm ein verführerisches Lächeln schenkte und sich raffiniert bescheiden, das Haar aus dem Gesicht strich.

Er kannte seine Wirkung auf Frauen, es war nichts Neues für ihn und er wusste sie auch zu nutzen. Warum auch nicht? Er war Single und man lebte schließlich nur einmal.

Er lächelte sie ebenfalls an, ohne sich aber dieses Mal, weiter für sie zu interessieren. Er sah auch nicht, wie sie sich noch ein paarmal, enttäuscht, nach ihm umdrehte.

 

Erst heute war er aus Iowa zurückgekehrt. Wie jedes Jahr hatte er mehrere Wochen in seiner Heimat verbracht. Und wie in jedem Jahr versuchte seine Mutter und der Stammesälteste ihn zu verkuppeln.  Doch auch in diesem Jahr konnten sie keinen Erfolg verbuchen.  

Es war nicht so, dass er eine feste Bindung scheute. Das Gegenteil war der Fall. Irgendwie sehnte er sich sogar nach einer festen Partnerin, einer Vertrauten, mit der er sein Leben verbringen konnte. Nur, wo fand man eine solche Frau?

Theresa, die Freundin seit Kindertagen,  liebte er wie eine Schwester.  Auch sie sah in ihm mehr den Bruder als einen Ehemann.

Und die Frauen hier in Europa? Hier in den Niederlanden? Nicht eine die er kennengelernt hatte wäre richtig gewesen. Es hatte sich auch keine von ihnen wirklich für ihn selbst interessiert, seine Person, seine Abstammung und den damit verbundenen Werten, Lebensweisen und Traditionen. Er war ein Exot, mit dem sich die Frauen gerne zeigten, gerne mit ihm ins Bett hüpften, um zu sehen, ob so ein „Wilder“ auch hält, was er so verspricht.

Aber er war nun mal traditionell altmodisch geprägt. Wenn er eine Bindung einging, dann für immer! Solange das nicht möglich war, hatte er eben seinen Spaß und nahm, was sich ihm darbot.

Ron war Indianer, ein waschechter Sioux Krieger. Sein Name, den ihm der Stamm gab, „Among the Eagles“.  Was bedeutet: „Der mit den Adlern lebt“. Sein Volk  lebte und kämpfte unter Häuptling Tatanka Yotanka, besser bekannt als Sitting Bull.

Er liebte die Erde unter seinen Füßen und den weiten Himmel über sich.  Die Liebe zur Natur, Tier und Mensch, verbunden mit Achtung und Respekt war ihm zu Eigen.  In seiner Heimat hatte er den Beruf eines Streetworkers ausgeübt.  Viel brachte es nicht ein, aber er konnte jungen Menschen Mut geben, ihren  eigenen, geraden  Weg zu gehen. Aber auch die Traditionen weiterzuleben.

Auch hier in Europa, in diesem kleinen Land, versuchte er nach Möglichkeit so zu leben, wie er es gewohnt war. Seine Familie und Freunde verstanden nicht, warum es ihn immer wieder in die Niederlande zog. Er wusste es ja selbst nicht so genau. Es hatte wohl mit seinem immer wiederkehrenden Traum zu tun.

Sein erster Traum dieser sich sein Leben lang wiederholenden Träume zeigte ihm Windmühlen und bunte Blumen, die er nie zuvor gesehen hatte. Er zeichnete alles auf ein Blatt Papier und zeigte es seinem Vater. Ein paar Tage später erzählte dieser ihm von einem winzig kleinen Land in Europa namens Holland. Wo diese bunten Blumen wuchsen, die man dort Tulpen nannte und von den unzähligen Windmühlen, für die das Land bekannt war. Großer Bär, der Stammesälteste nahm seinen Vater und ihn, Ron einmal mit in die große Stadtbibliothek von Sioux City. Er war acht Jahre alt, war niemals aus seinem Reservat rausgekommen, und fühlte sich doch mit allem, was er auf den Fotos sah, verbunden.

Großer Bär, der nicht nur der Stammesälteste, sondern auch einer der wenigen Medizinmänner war, die es noch gab, sah in Rons Träumen eine große Voraussage. Immer wieder suchte er seine Nähe, um über die folgenden Träume zu sprechen und versuchte, diese zu deuten. Seine Voraussage, dass dieses Land seinem Leben, seinem Schicksal eine Wende geben würde, war die Prophezeiung. Und für Ron war sie wegweisend.

Als er ein junger Mann war, fügte sich ein riesiger grauer Hund in seine Träume ein. Und … eine Frau! Es war verrückt, und er war verrückt danach, sie in seinen Träumen wiederzufinden. Nie sah er ihr Gesicht, ihr Haar oder ihre Statur. Doch die Nähe zu ihr, der betörende Duft, den er noch nach dem Aufwachen roch, war in ihm wie eine wohlige Wärme die Zufriedenheit und Glück verursacht.

Dieses Ziehen, was sich in seinem Herzen ausbreitete, gehörte nur ihm allein. Und davon erzählte er niemandem. Sie war und blieb sein Geheimnis. Doch von Jahr zu Jahr wurde seine Sehnsucht nach ihr größer. Sie war immer in seinen Gedanken. Wie oft hatte er versucht, hinter die diffuse Fassade zu sehen. Wie sah sie aus? Ihre Haarfarbe, die Augen, ihre Figur. Doch nie gelang es ihm, dieses Rätsel zu lösen. Mit den Jahren lernte er dann, damit umzugehen, sich seinem Schicksal zu fügen. Was immer es mit ihm vorhatte, er würde es eines Tages erfahren und begreifen.

Und dann war die Zeit gekommen, sich seinem Traum zu nähern, und ihn hoffentlich auch endlich erleben und leben zu können. Er hatte Deutsch, Holländisch und Französisch gelernt, ein Visum bekommen und stand nun auf dem Gateway Airport von Sioux City. Bereit für den Flug nach Holland. Bereit für ein neues Leben.

Als die Maschine endlich in Shiphol, dem Flughafen von Amsterdam landete und er die Gangway betrat, richtete er seinen Blick in den verregneten, wolkenverhangenen Himmel. Und ein erwartungsvolles Lächeln lag auf seinen Lippen.

 

 

 

Kapitel II

 

Verwirrung

 

Das war nun drei Jahre her, doch bis heute hatte er nichts, rein gar nichts von dem erlebt, was seine Träume versprachen. Sicher, er hatte die Windmühlen gesehen, und auch Tulpen. Er hatte Frauen gesehen, kennengelernt und sie auch in seinem Bett gehabt. Doch mehr als der sexuelle Trieb hergab war es nie. Keine der Frauen hatte auch nur sein Herz berührt oder verblieb in seinen Gedanken. Hunde, genau wie in seinem Traum beschrieben fand er ebenfalls. Es waren große, majestätische Tiere mit einem unglaublich sanften Wesen. Sie gefielen ihm, doch etwas fehlte.

Vor zwei Jahren dann kam sein älterer Bruder aus den Staaten hierher nach Castricum. Er suchte die totale Veränderung, nachdem seine Frau und seine Tochter bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren. Bald danach eröffneten sie gemeinsam den kleinen Shop für indianisches Kunstgewerbe. Hier in diesem kleinen Dorf am Meer, in der Nähe von Den Helder, wo der Himmel fast so weit war wie zu Hause in Iowa.

Mit Schwung öffnete Ron die Tür des kleinen Supermarkts, die über und über mit Angebotsplakaten beklebt war.

„Hi Ron“, begrüßte ihn die Kassiererin mit breitem Lächeln. Man sah ihr an, dass sie sich freute, ihn wiederzusehen.

„Da bist du ja endlich, verdammt haben die Frauen hier dich vermisst“!  „Wann bist du angekommen und was machen deine Leute zu Hause? Haben sie dich endlich verheiratet?“ Verschmitzt kniff sie ihm ein Auge.

„Hi Betty, wie gut du wieder aussiehst“, begrüßte Ron die dralle Betty mit den herrlich knallroten Haaren. Er mochte sie unglaublich gern. „Siehst du vielleicht irgendwo ein Lasso um meinen Hals“, konterte er. „Ich bin schon heute Morgen angekommen, hatte aber noch in Amsterdam zu tun“.

Wie immer suchte er in seinen Jeanstaschen nach einem Geldstück für den Einkaufswagen. Und wie immer umsonst.

„Wenn du einen Moment Zeit hast bis ich die Kasse öffnen kann, gebe ich dir den Euro“, bot Betty ihm an und schmunzelte.

„Nein, nein, lass mal, brauche eh nicht viel, das geht auch ohne Wagen.“  Er schaute Betty noch einmal mit seinem hinreißenden Lachen an, um dann zwischen den Regalen zu verschwinden.

Nach kurzer Zeit stapelten sich Kartoffeln, Tomaten, Mais, Steaks und Kaffee in seinen Armen. So, jetzt fehlte nur noch das Klebeband für seinen Bruder. An einer sorgsam aufgebauten Pyramide mit Hundefutterdosen machte er halt um sich suchend umzuschauen.

In diesem Moment bekam er einen so heftigen Stoß in die Seite. Der Aufprall war so gewaltig, dass Ron die Balance verlor. Gemüse und Steaks, sein ganzer Einkauf, alles fiel ihm aus den Armen, mit denen er jetzt versuchte, irgendwo Halt zu finden. Doch umsonst. Rücklings flog er in diese Pyramide. Und mit ihm stürzten wohl alle Hundefutterdosen dieser Welt mit ihm und fielen gemeinsam mit ihm zu Boden.

Zum Teufel auch, was war passiert? Benommen schüttelte Ron seinen schönen Kopf, sodass sein dunkles seidiges Haar ihn wie ein Schleier umgab. Jemand berührte seine Hände, wollte ihm so helfen, wieder auf die Beine zu kommen. In was für eine peinliche Lage war er da nur geraten?

„Hey Winnetou, was stehst du auch hier wie an den Marterpfahl gebunden, he?“ Pferdefutter gibt’s hier nicht, dazu musst du ein Dorf weiter zum nächsten Bauern fahren!“ „Verflixt, du hast mir verdammt wehgetan“, hörte er eine helle, ganz und gar nicht unsympathische Stimme fluchen.

Vorwurfsvoll und mit blitzenden Augen stand da eine kleine, winzige Wilde vor ihm.

Die hatte wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank! Dieses kleine Etwas rannte ihn um. Doch dessen nicht genug stand sie da vor ihm, wie der Racheengel persönlich und beschimpfte ihn.

Und wie hatte sie ihn genannt? Winnetou? Aha, sie zog ihn also auf, beleidigte ihn und verletzte seine Ehre!

Hart fasste er sie an den Handgelenken, seine Stimme wurde herrisch und eiskalt.

„Pass mal auf du kleine deutsche Gewitterhexe“, - wo hatte er nur dieses Wort her? „Wage es nie mehr mich Winnetou zu nennen und mich damit zu beleidigen“!

Er schaute sie sich genauer an.

Sie reichte ihm nicht einmal bis zur Schulter. Eine Flut von langen, goldblonden Locken umgab sie. Sie trug eine helle Jeans und ein enges weißes Top, durch das sich keck und frech ihre Brustwarzen drückten.

Wie konnte man nur so provozierend ohne BH rumlaufen. Er spürte, wie ihm wohlige Wärme in seinen Unterleib fuhr. Ja war er denn von allen guten Geistern verlassen? Wie konnte sie solche Gefühle in ihm hervorrufen? Immerhin war er ja kein pubertierender Knabe mehr.

Dann sah er in ihre Augen. Sie waren von einem tiefen Blau. Dieser unergründlich tiefe, aber auch zurzeit recht spöttische Blick, ließ Ron keine Zeit um sie weiter zur Räson zu bringen. Er versank in diesem Blick, diesen Augen und konnte nichts dagegen tun.

Es war wie Magie. Reine, saubere Magie. Und dann war da dieses Gefühl, was er schon sein Leben lang kannte und liebte, dem er verfallen war und nach deren Echtheit er sich so gesehnt hatte.

Da war es, das Gefühl aus seinen Träumen. Tausendfach gespürt, doch erst jetzt erlebt. Glück, Freude und das Wissen, endlich am Ziel angelangt zu sein. Es war, wie nach Hause kommen.

Unsinn, er war einfach nur durch den Sturz völlig durch den Wind. Und ihre aufreizenden Knospen taten ein Übriges, um ihn völlig durcheinanderzubringen. Schließlich war sie überhaupt nicht der Typ Frau, den er bevorzugte. Dazu war ihr Gesicht viel zu unregelmäßig. Augen und Mund waren viel zu groß. Sie war zu klein, ha, höchstens einsechzig und ihre Figur, naja, sie hatte eben keine Modellmaße! Er stand auf große, schlanke Frauen und schließlich nicht auf kleine Mädchen, die sich dazu auch noch so benahmen als seien sie noch lange nicht erwachsen. Er liebte den klassischen Typ Frau. Und doch …!

„Ist ja gut großer Häuptling, ich werde dich nie wieder Winnetou nennen“!  „Und weißt du warum?“

Wow, was für ein Temperamentsbündel, dachte er.  Jetzt bloß nicht lachen, sonst verprügelt sie mich hier noch vor allen Leuten.

„Weil ich Wilden wie dir, in Zukunft aus dem Weg gehen werde“, beendete sie ihren Wutausbruch!

Ihre Augen schossen noch immer Blitze. Doch wenn er sich nicht täuschte, war in ihrer Stimme ein leichtes Zittern zu hören. Noch immer hielt er sie an ihren zarten Handgelenken, lockerte aber nun den Griff etwas. Sie entzog sich ihm, doch als er jetzt ihre weichen kleinen Hände in den Seinen spürte, zwang ihn etwas, wieder fester zuzugreifen.

Sie war ihm so nah. Eine Strähne ihrer langen Locken lag auf seinem Unterarm, fühlte sich an wie zarte, kühle Seide. Und doch entfachte es in ihm weiteres Feuer.

Ihre Füße in den weißen O`Neill Turnschuhen stemmten sich fest auf die Erde um Kraft aufzubringen, sich von ihm zu lösen. Aber er ließ sie nicht los.

Wie sie duftete. Tief zog er den Geruch in sich hinein … wie vertraut er ihm doch war.

„Kimimila“, flüsterte er, oder hatte er es nur gedacht? Er wusste es nicht mehr. Eigentlich wusste er in diesem Moment überhaupt nichts. Für ihn gab es nur Fühlen, Sehnsucht und knisternde Hitze.

„Nein großer Häuptling, Wish von Choparde“, antwortete sie leise.

Sie war wie ein zauberhafter, bunter Schmetterling. Auch wenn sie nicht sehr dünn war, kam sie ihm so überaus zierlich und zerbrechlich vor. Sie weckte in ihm alle Beschützerinstinkte, die er nur hatte.

Und ja, er fand sie wunderschön. Diese wilden, Sonnen durchfluteten Locken reichten ihr bis zu den Hüften. Ihr Busen war voll, rund und fest. Ihre Haut so zart wie die Flügel eines Schmetterlings.

„Kiimila“, entfuhr es ihm noch einmal.

Röte zog sich über ihr ausdruckstarkes Gesicht. „Bitte lass mich jetzt los“, bat sie ihn ruhig.

Es war, als wache er plötzlich auf, aus einem seiner so wundervollen Träume. Zum Manitu, was tat er eigentlich gerade? Er führte sich auf wie ein völlig durchgedrehter Traumtänzer.

Er ließ sie so abrupt los, dass sie taumelte, drehte sich um und lief mit seinen großen Schritten dem Ausgang zu. Er hörte nicht einmal Bettys „Hey, was ist mit deinem Einkauf“? Öffnete die Tür und schnappte nach Luft, als sei er am Ersticken. Wie benommen rannte er über die Straße zu seinem Wagen. Riss die Tür seines Chevys auf und schwang sich auf den Fahrersitz.

Was hatte ihn nur zu dieser völlig blödsinnigen Flucht getrieben?

Niemals in seinem Leben hatte er so intensiv gefühlt. Niemals diese Wärme, das Glück in seinem Innern so gespürt wie gerade bei ihr. Nie diese besitzergreifende Hitze in seinen Lenden, wenn er eine Frau unter sich hatte.  Das war doch der reinste Wahnsinn.

Er atmete heftig, krallte seine langen, schlanken Finger um das Lenkrad und schaute verwirrt in den Innenspiegel. Er hatte sich nicht verändert, zumindest äußerlich nicht.

Er roch sie noch immer. Der ganze Wagen roch nach ihr. Langsam normalisierte sich sein Atemrhythmus, er wurde ruhiger. Und dann wusste er genau, warum er hier, an diesem kleinen Ort war. Wusste, worauf er sein Leben lang gewartet hatte … sie war es! Dieser kleine Schmetterling war die Frau aus seinen Träumen. Dasselbe Empfinden, derselbe Duft. Er war endlich angekommen! 


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